Hamburg vor 60 Jahren
1943 - 2003
Fast 70 Jahre ist es her, dass Hamburg durch die verheerenden
Bombenangriffe zum großen Teil zerstört wurde.
Ich war damals 8 Jahre alt und habe an die schlimmen Jahre noch eine sehr gute
Erinnerung.
Schon vor 1943 hatte Hamburg sehr viel Alarm gehabt,
bereits am 18. Mai 1940 fielen die ersten Bomben auf Hamburg.
Damals "begann" für mich der Krieg, denn vorher hatte ich als Kind noch nichts
vom Kriegsbeginn mitbekommen.
Die Anzahl der Luftangriffe in ein paar trockenen Zahlen,
die allerdings über die Intensität und Verluste nichts aussagen:
1940 = 70 Angriffe
1941 = 42 Angriffe
1942 = 15 Angriffe
1943 = 21 Angriffe
1944 = 39 Angriffe
1945 = 26 Angriffe
Hier sind nur die Angriffe auf Hamburg gezählt, wir hatten aber unzählig viel
mehr Alarme, denn jedes Mal, wenn
die feindlichen Flieger in den deutschen Luftraum eindrangen, hatte Hamburg
mindestens Voralarm, aber leider wurde dann sehr oft auch Vollalarm gegeben,
denn die Möglichkeit, dass Hamburg das Ziel war, musste bei einer Annäherung der
Maschinen über der Nordsee immer befürchtet werden.
In der Zeit zwischen März und
Mai 1941 wurde Hamburg die ersten Male mit mehr als 100 Maschinen angegriffen.
1942 gab es "nur" 15 Angriffe, allerdings war am 27. Juli ein sehr
schwerer Angriff,
der viele Tote und Verletzte forderte.
Alles bisherige wurde allerdings durch die Bombennächte vom 24. Juli bis zum 3.
August 1943 übertroffen.
Die ersten Monate des Jahres 1943 waren relativ ruhig, wir hatten zwar einige
Male Alarm, es fielen auch Bomben,
zuletzt am 6.7., aber die Schäden hielten sich in Grenzen.
Dann aber kam der 24. Juli 1943 heran.
Die Nacht vom 24. /25. Juli war warm. Es war eine herrliche Sommernacht, als um
0.33 die Sirenen heulten.
Da wir im 3. Stock wohnten, gingen wir sofort nach unten vor die Haustür.
Wir saßen auf der kleinen Mauer, die unsere Vorgärten einfasste und warteten,
ob wir nun in den Keller mussten oder wieder nach oben gehen konnten.
Die
Scheinwerfer spielten hin und her
am Himmel und die Nacht war so ruhig,
dass wir sogar die Besatzung der Flak auf
dem Wasserturm im Hamburger
Stadtpark hören konnten.
Wir wohnten damals im Norden von Hamburg im Stadtteil Winterhude, ganz in der
Nähe vom Stadtpark.
Nach ein paar Minuten hörten wir ein Grummeln in der Luft, wie ein fernes
Gewitter, aber es war das Brummen
von den vielen Flugzeugen, die Hamburg anflogen. Als wir die ersten Maschinen im
Kegel der Scheinwerfer sahen,
waren wir sehr schnell in unseren Keller hinuntergelaufen.
Und dann ging es los. Wir hörten die Flak, das Explodieren der Bomben.
2 1/2 Stunden dauerte es, bis wir die Sirenen zur Entwarnung hörten.
Als wir in unsere Wohnung zurückkamen (ca. 3.00 Uhr morgens),
war es in den Räumen so hell, dass man eine Zeitung hätte lesen können.
Wir gingen eine Etage höher in die Waschküche, wo ein großes Fenster war und
dann sahen wir
Richtung Eimsbüttel und Altona die riesigen lodernden Flammen.
Wir waren entsetzt, denn so ein Ausmaß hatte es bis zu diesem Zeitpunkt nicht
gegeben.
Am nächsten Tag war alles verqualmt und es war finster. Die Sonne kam durch die
dicken Rauchwolken
nicht durch, wir mussten bis ca. 14.00 Uhr Licht an haben. Dann aber sahen wir
die Sonne wieder, aber
es war nur eine weiße Scheibe, die immer wieder von den Qualmwolken verdeckt
wurde.
Am Tag gab es wieder Alarm und es begann ein Angriff auf das Hafengebiet. Hier
befanden sich
u.a. die Werft Blohm & Voss und der Petroleumhafen, die ganz besonders das Ziel des Angriffs waren.
Auch am 26.7. hatten wir einen Tagesangriff, aber das Schlimmste sollte noch
kommen.
Die Nacht vom 27./28.7. war angebrochen.
Wieder gab es kurz nach Mitternacht Alarm und verängstigt durch den ersten
schweren Angriff gingen
wir diesmal in einen Bunker. Es war einer der kleinen so genannten
"Röhrenbunker". Unser lag am
Grasweg/Ecke Barmbeker Straße.
Wir mussten eine steile Treppe hinunter, was
besonders für meinen
Großvater sehr beschwerlich war, da er halb gelähmt war
und nur sehr langsam die Treppen steigen konnte.
In dieser Nacht begann das Inferno in den östlichen Stadtteilen von Hamburg.
Hamm, Horn, Hammerbrook, Borgfelde und Rothenburgsort.
Was sich in diesem Gebiet während des Alarms und hinterher abspielte, kann man
sich nicht vorstellen.
Es ist viel darüber geschrieben worden, es sind ja auch Menschen aus dieser
Hölle herausgekommen,
aber ihre Berichte waren so ungeheuerlich, dass man sich weigerte, es zu
glauben.
Auf dem Ohlsdorfer Friedhof gibt es ein Familiengrab, auf dem stehen über 20
Namen aus einer Familie.
Diese Menschen sind alle in der Nacht vom 27./28. Juli ums Leben gekommen.
Von diesem Angriff und seinen Folgen kann ich und möchte ich nichts weiter
berichten, denn wir waren
von diesem Inferno - Gott sei Dank!!! - weit entfernt. Das wussten wir
allerdings erst hinterher, denn wenn
die Bomben fallen, dann weiß man ja nicht, trifft uns davon eine oder nicht. Die
Angst war also immer
gegenwärtig, dass wir Glück hatten, wussten wir ja erst hinterher.
Aber dann kam die Nacht vom 29./30. Juli. Auch in dieser Nacht gingen wir beim
Alarm wieder in
"unseren" Bunker. Diesmal merkten wir aber sehr schnell: Heute sind wir dran!
Die Einschläge und das Krachen der Bomben war fürchterlich, der Bunker bebte und
schwankte.
Keiner der Bunkerinsassen sprach, alles horchte voller Angst nach draußen.
Als es etwas ruhiger wurde, die Angreifer waren wohl schon im Abfliegen, mussten
wir auch aus dem
Bunker raus. Es kam kein Sauerstoff mehr herein, sondern nur noch Rauch.
Als wir aus dem Bunker kamen,
brannten um uns herum mehrere Häuser am Grasweg, in der
Barmbeker Straße, in der Dorotheenstraße, das Postgebäude (PA 39) und das große Eckhaus Ulmenstraße.
Wir wurden zu einer Grünanlage geführt, wo hohe Kastanienbäume und
Rhododendronbüsche waren,
die uns Schutz vor dem Funkenflug gaben. Es war ein fürchterlicher Ascheregen,
der auf uns fiel.
Mein Opa hatte einen Hut mit einer ziemlich breiten Krempe auf. Als wir in der
Grünanlage ankamen,
lag die Asche über 10 cm hoch auf seinem Hut.
Als es hieß: die Buchenstraße brennt, hatten wir uns schon damit abgefunden,
dass auch unsere Wohnung
verloren war, aber als wir nachher, als endlich Entwarnung gegeben wurde, in
unsere Straße kamen,
da konnten wir es kaum fassen: unser großer langer Block mit 6 Eingängen in der
Buchenstraße und
4 oder 5 Eingängen in der Ulmenstraße war unversehrt.
Natürlich waren Dächer und Fenster kaputt, aber unsere Häuser
standen, es war ein Wunder.
Ein Wunder auch deshalb, weil hinter uns drei Häuser brannten und von vorn kamen
auch Funken
hereingeflogen von vielen kleinen Gewerbebetrieben, die fast alle brannten.
Auch unsere Häuser waren immer noch in großer Gefahr, denn durch die zerstörten Fenster
flogen die
Funken in unsere Wohnungen und setzten Vorhänge, Teppiche und alles was brennbar
war in der
Nähe der Fenster in Brand. Türen, die von Einwohnern verschlossen wurden, als
sie Hamburg
verlassen hatten, wurden von einigen Männern einfach mit der Axt eingeschlagen,
damit wir
alles Glimmende und Brennende hinauswerfen konnten. Was gelöscht werden konnte,
haben
wir natürlich gelöscht, aber manchmal war das Feuer schon so am brennen, dass
die Sachen
einfach nur noch hinausflogen.
Wenn man diese Gewaltmaßnahme nicht gemacht hätte, wären unsere Häuser
abgebrannt.
Den letzten Angriff vom 2./3.
August habe ich nicht mehr miterlebt. Wir gehörten dann zu den
vielen Menschen, die von Hamburg evakuiert wurden. Meine Großeltern waren damals
60 und
74 Jahre alt, Opa konnte durch seine Behinderung sowieso keine Hilfe leisten und
deshalb
fuhren wir zu Verwandten nach Erfurt.
Wir gingen zur großen Stadtparkwiese im Hamburger Stadtpark, dort stellte man
Transporte
zusammen, die zu den noch funktionsfähigen Bahnhöfen Hamburgs gebracht wurden.
Die Züge von Norden endeten in Pinneberg, von Osten in Bergedorf und von Süden
in Harburg.
Wir wurden auf einem LKW nach Bergedorf gebracht, weil dort die Züge Richtung
Mitteldeutschland
abfuhren. Auf der Fahrt dorthin kamen wir über die Hammer- und Horner
Landstraße.
Der LKW fuhr Schlangenlinien durch die Trümmer, die bis über die Straße gestürzt
waren.
Auch sah ich, dass die Leute ihr Gepäck weggeschmissen hatten. Die Erwachsenen
auf dem
LKW waren sehr still und erst später kam mir die Erkenntnis, dass es sich bei
den vielen schwarzen
Paketen auf den Straßen nicht um Gepäckstücke handelte, sondern um verbrannte
Menschen.
Meine Mutter musste in Hamburg bleiben, sie war "dienstverpflichtet", wie man
das damals
nannte und mein Vater war inzwischen wieder zu seiner Truppe unterwegs.
Hamburg erlebte noch weitere schwere Angriffe, besonders 1944 nochmals mit
großen
Schäden und vielen Menschenopfern, aber die Angriffe vom Juli/August 1943 waren
die schlimmsten Tage, die Hamburg erlebt hat.
Im September 1943 schrieb meine
Mutter uns einen langen Brief nach Erfurt, in dem sie uns
über die Situation in Hamburg berichtete.
Auszüge aus diesem Brief findet ein interessierter Leser hinter diesem LINK.
Literaturhinweis:
Die oben genannten Zahlen entstammen dem Buch
FEUERSTURM ÜBER HAMBURG
Die Luftangriffe auf Hamburg im 2. Weltkrieg und
ihre Folgen
Hans Brunswig
Hans Brunswig war damals Abteilungsleiter "Technischer Dienst"
im Stabe des Kommandeurs der Feuerschutzpolizei Hamburg
und Augenzeuge der Katastrophentage

Mahnmal für die Opfer dieser Nächte auf
dem Friedhof Ohlsdorf