Hamburg vor 60 Jahren
1943 - 2003

Ein Brief - geschrieben am 1.9.1943

Zu dem folgenden Brief eine kleine Erklärung:
Meine Mutter war im Krieg im Wirtschaftsamt angestellt.
Das Wirtschaftsamt gab die Lebensmittelkarten und die Bezugsscheine für Bekleidung aus.
Jeder Bewohner bekam monatlich seine Lebensmittelkarten,
auf denen ganz genau die Lebensmittelzuteilungen standen.
Ob man immer alles bekam, was drauf gedruckt war, stand auf einem anderen Blatt.
Auch Raucherwaren waren rationiert.
Nach den Bombenangriffen hatten natürlich viele Menschen bei der Flucht aus den
brennenden Häusern ihre Marken nicht mitgenommen oder sie auf der Flucht verloren.
Das ist die Situation, die sich ergab, als meine Mutter uns diesen Brief nach Erfurt schickte,
wohin wir, wie schon beschrieben, evakuiert waren.




Alle Eure Briefe, auch Deinen Brief, liebe Christa, habe ich mit vielem Dank erhalten.
Ein Brief ist hier in Hamburg aufgegeben, aber eine Dame war noch nicht bei mir.
Man kann mich allerdings auch nicht antreffen, da ich kaum im Haus bin, denn seit
ungefähr 14 Tagen komme ich keinen Abend vor 9-10 Uhr heim, wenn ich wirklich
einmal früh komme, dann ist es 8 Uhr. Also das bedeutet eine Arbeitszeit von 12-13
Stunden pro Tag und jeden Sonntag, den Gott werden lässt, wird gearbeitet, allerdings
ab letzten Sonntag geteilter Dienst. Ich arbeitete letzten Sonntag von 8-14 Uhr.

(Faksimile dieser Sätze)

Unser Dienst ist menschenunwürdig, ich kann es Euch mit Worten nicht schildern,
es ist einfach unbeschreiblich. Wenn man morgens kommt, dann stehen die
Menschenmassen schon vorm Amt, um 8 Uhr wird geöffnet, dann macht ein Mann,
meistens ein Polizist, Türdienst.
Stoßweise werden die Menschen hereingelassen, oft brechen sie auch durch, dann
kann vor unseren Tischen kein Apfel mehr zur Erde. Angeregte Unterhaltung unter
dem Publikum, um sich die lange Zeit des Wartens zu vertreiben, ist Selbstverständlichkeit,
auf uns Angestellte nehmen sie keine Rücksicht - Ab und zu ermahnen wir sie zur Ruhe,
selbst vom Publikum werden oft einige energisch und schreien: "Sein Sie doch still und
schwatzen nicht so viel, die Angestellten werden ja verrückt.
Allein unsere Dienststelle 109/111 hat ca. 6000 Menschen, also das heißt
"obdachlose Volksgenossen" übernommen. Unsere Räume sind dieselben geblieben und
Personal kommt nicht dazu, also stellt Euch das mal vor.
Dazu kommen unsere Fliegergeschädigten aus unserem eigenen Bezirk. Es ist ein Irrenhaus!

Ich hab in ungefähr 10 Tagen ca. 10.000 langfristige Hamburger-, sowie Seifen und Raucherkarten
verbucht, nebenbei Reise- sowie Urlauberkarten mit Hilfe von Dr. M.... ausgegeben. Das sind
alles Karten, die den Leuten zum Teil verbrannt oder abhanden gekommen sind.
Auch müssen wir viele Instandsetzungstrupps aufnehmen und mit Karten versorgen,
heute waren es allein 50 Leute, darunter 14 aus Erfurt und zwar Telegrafenarbeiter.
Ich freute mich, als ich meine Heimatsprache hörte und habe mich kurz mit einem der Leute
unterhalten. Er sagte: "Wir sind  erschüttert, Hamburg ist ja nur noch ein Trümmerhaufen".
Man hat nämlich die Leute im Auto ein Stück durch Hamburg gefahren. Der Mann sagte
weiter: "Wer das nicht gesehen hat, der kann sich kein Bild von diesen
Verwüstungen machen".

Am Sonntag waren Rudi und Berta (
Bruder und Schwägerin meiner Mutter) bei mir und da sie etwas
sehen wollten, sind wir von hier durch die Dorotheenstraße, Mühlenkamp, Winterhuder Weg
erstmal bis Barmbek gewandert. Bis Barmbek viele Straßen fast zerstört, aber von Barmbek
bis zum Berliner Tor und von der Hamburger Straße bis nach Wandsbek steht nicht ein Haus
mehr, nur Trümmer, Trümmer, Trümmer!

(Faksimile dieser Sätze)

Die Hamburger Straße ist bis zur Lübecker Straße nur ein Trümmerfeld, desgleichen ist es
mit allen Nebenstraßen. Von der Lübecker Straße bis nach Wandsbek steht kein Haus mehr.
Die Stadtteile Hamm und Hammerbrook sind ganz gesperrt. Im Eppendorfer Krankenhaus
stehen von 68 Pavillons noch 7, das Hauptgebäude ist ganz ausgebrannt.

(Faksimile dieser Sätze)

Wasser und Gas haben wir noch nicht, aber wir sind schon froh, wenn wir nachts schlafen können.

(Faksimile dieser Sätze)

Jetzt ist es 1 Uhr nachts, ich kann nicht schlafen, denn die Nerven sind so aufgepeitscht, darum
schreibe ich Euch so einen langen Brief, glaubt man nicht, dass ich am Tag dazu kommen würde.

Wenn der Krieg bald vorbei ist, dann will ich es gern noch ertragen, aber wenn das noch lange
dauert, dann weiß ich nicht, ob man das durchhält.

Soweit der Brief meiner Mutter.